Die Gründe des Leidens

Niemand mag leiden. Also fragen wir uns, warum gibt es so viel Leid in der Welt? Genuss und Schmerz, Freude und Leid, Fröhlichkeit und Traurigkeit sind alles nur die gegenüberliegenden Seiten der Münze namens Leben. Man kann nicht das eine erleben, ohne automatisch dem anderen zu begegnen. Aber wenn wir nicht leiden wollen, was sollen wir tun? Sicherlich muss es eine Kraft geben, die uns zu den Gründen des Leidens treibt, und diese Kraft ist das dringende Bedürfnis nach Identität. Im Yoga wird aufgezeigt, dass das innere Selbst unseres Wesens, das wahre Selbst, unsterblich und unendlich ist. Es befindet sich jenseits von jeglicher physischen oder mentalen Begrenzung, jenseits von Leiden, von Täuschung und Enttäuschung. Aufgrund der Kraft der kosmischen Illusion erkennen wir allerdings unsere wahre wesentliche Natur nicht – mit anderen Worten sind wir gänzlich unwissend, was wir tatsächlich sind. Diese Unwissenheit erlaubt uns, eine Identität zu haben, die uns vom Rest der Welt trennt. Deshalb identifizieren wir uns mit dem Körper, der nur das Instrument der Manifestation des Selbsts oder des Göttlichen Funkens ist, der in jedem von uns existiert. Unser grundlegender Fehler ist, dass wir uns mit unserem physischen Körper, unserem Verstand und unserer Persönlichkeit identifizieren.

Hiernach seien die Gründe des Leidens aufgelistet:

  • Der Mensch ignoriert seine wahre, göttliche Natur seines ewigen Geistes, des Funken Gott des Vaters, der allwissend und voller unendlicher Glückseligkeit ist.
  • Aufgrund dieser Ignoranz identifiziert er sich mit seinem Körper und seiner Persönlichkeit, d.h. mit den Modalitäten und Werkzeugen, durch die er sich in dieser Welt äußert.
  • Diese Identifizierung verursacht viel Anhänglichkeit und Verachtung.
  • Die Natur der physischen Welt ist veränderlich, und der Mensch hat keine wirkliche Macht über die äußeren Ereignisse. Deshalb kann er die Dinge, an denen er haftet, nicht immer schützen oder sichern und die Dinge, die er verabscheut, kann er nicht immer vermeiden. So leidet er und erlebt das gesamte Spektrum von negativen Emotionen wie Enttäuschung, Bosheit, Argwohn, Eifersucht, Wut, Angst, Groll, Bitterkeit, Hass. All dies taucht auf, weil man nicht haben kann, was man will.
  • Die Notwendigkeit, den physischen Körper bis zum Ende seines Zwecks in dieser jetziger Existenz in bester Verfassung zu erhalten bewirkt eine natürliche Anhaftung an den Körper. So leidet der Mensch, wenn der Körper in Gefahr ist oder verletzt wird.

Unwissenheit und Leid manifestieren sich folglich durch vier innere Verhaltenstypen, die das Leben des Menschen tiefgründig beeinflussen.

Das gemeine Gefühl von Individualität und Ego

Diese Identifikation leitet alle seine Handlungen und erzeugt Selbstsucht sowie Vernarrtheit in den Erfolg („Ich bin stark, mächtig, intelligent, ich bin erfolgreich gewesen“) und das Leid und die Scham vor Versagen („Ich habe versagt, ich bin krank“).

Die Anhaftung

Dieser Aspekt der Unwissenheit bedeutet, sich mit angenehmen Erfahrungen zu identifizieren, die aufgrund von Erinnerungen an Begebenheiten, die angenehme Eindrücke hervorgerufen haben, geformt wurden.

Die Verachtung

Dieser Aspekt der Unwissenheit bedeutet, in jämmerlichen Zustände zu schwelgen. Es ergibt sich aus der Folge der Erinnerung an unangenehme Erfahrungen. Dies erzeugt den Wunsch sich zu widersetzen, sich zu wehren, sich zu rächen.

Die Angst vor dem Tod

Dies ist die Tendenz, sich am Leben festzuklammern, was uns auf die ersten Stufe zurückwirft: die Menschen hängen an ihrem Ego wie an einem Rettungsring auf einem stürmischen Meer. Sie unterdrücken ihre Angst vor dem Tod und verlieren sich selbst in der vergänglichen Illusion der Ewigkeit des Momentes um den Tod zu vergessen, anstatt zu akzeptieren zu leben, sich weiter zu entwickeln, ihr Wesen zu entfalten und der Menschheit zu helfen, sich aufwärts zu entwickeln.

All dies geschieht, weil wir manche fundamentale Aspekte unserer Aktionsmöglichkeiten in der manifestierten Welt nicht erkennen, wie: Jedes Ding oder jedes Phänomen, das wir vollbringen wollen, hat existiert, existiert und wird im makrokosmischen Absoluten ewig existieren. Wir müssen uns darüber bewusst werden, dass jede Energie, jedes Ding oder Phänomen dem Universum gehört. Wir können es nur vorübergehend besitzen, ausgenommen die Essenz des Selbst. Wir kommen in dieser Welt ohne jegliche Kraft und jegliches Element und wir verlassen sie in der gleichen Weise. Manche besitzen dies nicht mal während ihrer Existenz. Anders gesagt borgen wir nur eine gewisse Kraft oder ein bestimmtes Objekt von der universalen, makrokosmischen Manifestation. Jedes Ding, Phänomen oder jede Energie wird nach dem Gesetz verteilt. Es gibt kein Glück, Pech oder keine Launen. Das Karma-Gesetz, das Gesetz der Aktion und Reaktion, von Ursachen und Wirkungen wirkt überall und in allen Fällen. Yoga ist eine praktische Philosophie. Nicht nur analysiert sie warum wir leiden, sie schenkt uns auch die Lösungen um dieses Leid zu transzendieren, um jenseits des Wechsels von Schmerz – Genuss, Freude – Leid etc. zu gehen.

Einer der besten Lösung ist zu lernen, weniger an der Erreichung von Dingen, Freundschaften, Lieben, materiellen und sozialen Positionen angehaftet zu sein. Eine andere Art den Geist positiv zu orientieren ist, an das Gegenteil eines negativen Zustandes, den man zu einem bestimmten Zeitpunkt hat, zu denken und es heraufzubeschwören. Wenn wir in dieser Richtung beharren, werden wir allmählich eine positive Veränderung unseres Geistes verspüren. Zudem können die gesamte Orientierung und das Streben, sich vom Zyklus der aufeinanderfolgenden Wiedergeburten zu befreien, sowie das Streben nach Vergöttlichung und die beharrlichen Anstrengungen in dieser Richtung die Gründe des Leidens vernichten und die unsagbare Glückseligkeit, Gott zu suchen und zu finden, hervorrufen. Werde daher bewusst über die Gründe deines Leidens und beseitige sie. Du bist hier um zu entdecken, dass Du vollständig und vollkommen glücklich bist. Lasse nicht zu, dass etwas oder jemand Dir das Gegenteil denken lässt. Entdecke die Wahrheit, denn wie Jesus gesagt hat: „Die Wahrheit wird Dich frei machen!“