Inspirierende Gedanken über die Beziehung zwischen dem spirituellen Leiter und dem Aspirant

Von Yogalehrer Nicolae Catrina

Die Essenz der Beziehung zwischen dem spirituellen Leiter und dem Aspirant kann nie nur von Außen erfasst werden. Denn es kann eigentlich nie ein Gegenstand des Wissens für diejenigen sein, die nicht bereit sind sich mit diesem unsagbaren, geheimnisvollen Zustand zu identifizieren, der von einem Aspiranten auf dem spirituellen Weg erfahren wird. Es ist auch wichtig zu verstehen, dass diese Beziehung kein Konzept ist, das wir ausschließlich mit unserem Verstand verstehen können. Obwohl wir über diese Beziehung zwischen dem spirituellen Leiter und dem Aspirant sprechen und sie auf unterschiedliche Weise (zum Teil auf sehr subtile) definieren können, sind all dies nur „Markierungen“ auf dem Weg, den jeden von uns in dieser Richtung gehen muss. Im Grunde sind sie alle Impulse des Verstandes, die innerhalb der spirituellen Praxis (Sadhana) auftauchen.

Nur ein Herz: das Höchste Göttliche Herz

Genau gesagt können wir diese unsagbare, geheimnisvolle und grundlegend initiierende Realität (die spirituelle Leiter – Aspirant Beziehung) nie nur mit unserem Verstand umfassen, denn wenn wir sie wirklich in ihrer geheimnisvollen und erhabenen Dimension erleben, vor allem dann erfahren wir den göttlichen Zustand der Nicht-Dualität in der für den Aspiranten nur Gott existiert.

In der Tat ist dies die ideale Weise, wie unsere Beziehung zu unserem spirituellen Leiter sein sollte: die perfekte Nicht-Dualtität (advaita), in der, symbolisch gesprochen, nicht mehr zwei Herzen existieren (das vom spirituellen Meister und das vom Aspiranten) sondern nur noch ein Herz, das Höchste Göttliche Herz, das Ewige Herz von Gott dem Vater (Paramatman). In diesem und nur diesem Zustand wird eine vollkommene innere Gewissheit bezüglich der Richtigkeit des spirituellen Weges, den wir begehen und der Lehren unseres spirituellen Leiters in uns erwachen. Diese Gewissheit, die reine Wunder erzeugt, wird unsere Seele für die Wahrnehmung eines erhebenden Zustandes absoluter Perfektion bezüglich aller Worte und Taten unseres sprirituellen Leiters öffnen, denn in diesem Zustand von Nicht-Dualität existiert nur Gott und Gott ist, wie wir alle wissen, in Ewigkeit vollkommen.

Unsere spirituelle Praxis voller Streben, ausgeübt mit dieser idealen Beziehung zum spirituellen Leiter als Unterstützung, wird diese anfängliche Gewissheit schrittweise in eine tiefe Verwirklichung der Unsterblichen Essenz des Selbsts (Atman) umwandeln. Gleichzeitig wird es schwieriger, diesen geheimnisvollen Vorgang, der unser Wesen verändert auszudrücken, begrifflich zu fassen oder denjenigen, die nicht den gleichen Zustand erfahren, zu erklären. Den menschlichen Wesen, die nicht den gleichen Zustand wie wir selbst erleben, wird dieser Vorgang von Außen paradoxal oder irrational vorkommen. Die Heiligkeit der Beziehung spiritueller Leiter – Aspirant, die unser ganzes inneres Universum mehr und mehr erfüllt, wird meistens nicht wahrgenommen – wobei fast jeder Versuch, es für die Andere in einer koherenten und logischen Art auszudrücken, für uns als „Pietätlosigkeit“ empfunden werden kann (anders ausgedrückt erscheint es wie ein Versuch, auf die Heiligkeit zugunsten der grauen und flachen Dimension des Profanen zu verzichten).

Über jeder spirituellen Einweihung

In den menschlichen Wesen, die sich in Folge ihres Engagements auf dem spirituellen Weg ausreichend verändert haben, befindet sich die Essenz der Beziehung spiritueller Leiter – Aspirant im intimsten Reich ihres Unsterblichen Göttlichen Selbst (Atman). Diese Essenz stellt die nicht-duale Erfahrung des Göttlichen Geistes dar, welcher sich spontan selbst erkennt. Auch für denjenigen, der sie erlebt ist es unmöglich, solch eine geheimnisvolle Erfahrung in Worten zu beschreiben, denn sobald man es in Begriffe fasst, es denkt oder es ausdrückt fällt man automatisch in die steife und erstickende Falle (vom spirituellen Standpunkt aus) der dualen Logik, in der ein Subjekt ein gewisses Objekt betrachtet.

Wir müssen auch betonen, dass die tiefe und intime Erfahrung der Beziehung spiritueller Leiter – Aspirant fast immer einmalig ist und nur uns selbst gehört, genauso wie jeglicher Zustand Göttlicher Ekstase (Samadhi) immer einmalig und gleichzeitig in sich selbst vollkommen ist. Wie schon erwähnt wird diese Beziehung immer von einer vollkommenen und unverwechselbaren Gewissheit über die Richtigkeit und die spirituelle Fülle (um genauer zu sein Vollständigkeit) dieser direkten Verbindung, von Herz zu Herz, mit unserem spirituellen Leiter begleitet. Es ist eine geheimnisvolle Verbindung, die wir spontan erkennen als eine Beziehung jenseits jeglicher anderen spirituellen Beziehung, denn im Grunde ist sie die Essenz jeglicher spirituellen Einweihung!

Wir müssen auch ergänzen, dass diese Gewissheit nie mit Fanatismus oder düsteren Überzeugungen verwechselt werden kann wegen ihres Lichtes, ihrer Transparenz, ihrer Toleranz und ihrer bedienungslosen Offenheit allen Formen gegenüber, in denen die Göttliche Wahrheit sich uns im alltäglichen Dasein präsentiert.

Das Höchste Einweihende Geheimnis

Falls manchmal auf unserem Weg weiterhin gewisse Zweifeln in uns auftauchen (entweder an dem Weg, den wir gehen oder an unserem spirituellen Leiter, oder sogar über unsere Möglichkeiten der spirituellen Vollkommenheit auf dem entsprechenden Weg), dann zeigt es, dass wir bis jetzt in der Höchsten Einweihenden Geheimnisvollen Wirklichkeit nicht ganz gefestigt sind (welche, wie schon gezeigt, die Essenz der Beziehung spiritueller Leiter – Aspirant darstellt, die in uns den spontanen Zustand von Nicht-Dualität erweckt).

Wenn wir im Gegensatz dazu ständig danach bestrebt sind, das Höchste Einweihende Geheimnis, das durch die Beziehung spiritueller Leiter – Aspirant repräsentiert wird, zu vertiefen, werden wir schrittweise entdecken, dass Erleuchtung und sogar spirituelle Befreiung für uns zu einem allmählichen, immer natürlicheren und spontaneren Prozess werden (selbstverständlich heißt es nicht, dass nicht gewisse Anstrengungen nötig sein werden). Gleichzeitig stellt dies einen offenen und geheimnisvollen, erhebenden und brillianten Prozess dar, der schrittweise die gesamte äußere objektive Wirklichkeit umfasst und immer durch Liebe, Ehrlichkeit, Mitgefühl, vollständiges Vertrauen, Weisheit und nicht zuletzt durch eine große Einfachheit gekennzeichnet ist.

Hier angekommen werden wir in der Lage sein, natürlich und unmittelbar äußerst hohe spirituelle Zustände zu erleben (die für uns gemäß unserem Niveau perfekt erreichbar sein werden). Wenn wir sehr aufmerksam studieren, werden wir feststellen, dass diese Aspekte auch in einigen der Höchsten spirituellen Traditionen unseres Planets dargestellt werden. Zum Beispiel handelt es sich in der alten Tradition des Kashmir-Shivaismus um die spontane und direkte „Wiedererkennung“ (pratyabhijna) der Heiligkeit in allen Einzelheiten unseres Lebens und im tibetischen Tantra um die „Höchste sprirituelle Haltung“ (mahamudra), etc.

Der Zustand des „Spirituellen Sohnes“

Selbstverständlich kann uns in dieser Richtung nur unmittelbare Erfahrung die Gewissheit vom nicht-dualen Zustand anbieten. Scheinbar paradoxerweise vergegenwärtigen wir uns in diesem Zustand auch, dass wir wirklich wir selbst sind (sogar mehr als je zuvor) obwohl wir uns vollständig der wunderbaren und doch unbeschreiblichen Erfahrung der Essenz der Beziehung spiritueller Leiter – Aspirant hingeben. In anderen Wörter sind wir vollkommen frei von jeglicher Abhängigkeit, Begrenzung und jeglichem Zwang!

(Diese geheimnisvolle spirituelle Erfahrung könnte sehr gut mit dem Zustand der vollständigen Hingabe des individuellen Willens an den allmächtigen Willen Gottes verglichen werden. Zwar betrachten wir in diesem Falle die Hingabe unseres Willens als eher einschränkend (wenn wir nicht mehr das tun können, „was wir wollen“) doch in Wahrheit erreichen wir dadurch die vollständige und vollkommene Freiheit: die Absolute Freiheit Gott des Vaters!)

Falls wir diesen essentiellen Daseinszustand noch nicht erreicht haben (der in der Tradition des Kashmir-Shivaismus der Zustand des „spirituellen Sohns“ bzw. der „spirituellen Tochter“ genannt wird), benötigen wir immer wieder viele mentale und intellektuelle Bestätigungen oder anders gesagt viele weisen Abhandlungen, die uns immerhin teilweise (aber nie endgültig!) die besondere innere Gewissheit verschaffen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. In diesem Falle werden wir anstatt der Einfachheit und der Natürlichkeit des Daseins vor jedem kleinsten Schritt nach vorne viele Erklärungen und „Garantien“ benötigen, die uns Vertrauen über das geben, was wir tun und insbesondere über die Tatsache, dass unsere Bemühungen nicht vergeblich sind.

Der Göttliche „Zauber“ des Ewigen Anfangs

Für einige (die stärker getestet werden und die sogar bei manchen Tests auf dem spirituellen Weg scheitern können) ist dieser fast ständige Zweifel und dieses Mistrauen in die Macht (Effizienz) des spirituellen Weges, dem wir folgen, das größte Hindernis. Solch ein Hindernis verleiht uns die Vorstellung einer „quantitativen“ Komplexität der Wirklichkeit, doch sowohl in unserem Herz als auch in der gesamten uns umgebenden Wirklichkeit entfernt uns diese Vorstellung mehr und mehr von den Wundern des spontanen, einfachen und direkten Weges der „Erkennung“ Gottes. Wenn wir in diesem Zustand sind und darin schwelgen, werden wir immer mehr nach komplizierten Erklärungen oder nach verschiedenen mentalen Bestätigungen suchen und dabei meistens vergessen, dass spirituelle Verwirklichung vor allem durch Liebe, Einfachheit, vollständiges Vertrauen, Ehrlichkeit und Spontaneität gekennzeichnet ist! Über diesen Zustand hat Lao Tze, der „Vater“ der Taoistischen Tradition, folgendes gesagt: „Um das gewöhnliche (dualistische) Wissen zu erhalten, müssen wir täglich etwas hinzufügen; doch um das Göttliche Wissen zu erhalten, müssen wir täglich etwas ablegen“.

Was demzufolge für unsere spirituelle Praxis wirklich wesentlich ist, ist die Verstärkung dieses Zustandes der Höheren Gewissheit oder anders gesagt des völligen Vertrauens in den Weg, den wir gehen und in unseren spirituellen Leiter. Dafür ist es sehr gut, insbesondere wenn wir bemerken, dass unser Vertrauen in den spirituellen Leiter sich abgeschwächt hat, sich so oft wie möglich auf die magischen Momente des Anfangs unserer spirituellen Praxis zu beziehen, als unsere Reinheit, unsere Liebe, unser Vertrauen und unser Streben vollständig durch die geheimnisvolle Frische der Anfangsenergie gesegnet waren; oder auf alle Momente, in denen wir „Gipfel-Erlebnisse“ in dieser Richtung erlebt haben (anders gesagt müssen wir in unserem inneren Universum die Momente, in denen wir die Beweise der Göttlichen Anwesenheit in unserer Beziehung mit unserem spirituellen Leiter vollständig genossen haben, hervorrufen und uns darauf beziehen).

Wenn wir dies oft genug tun und die geheimnisvollen Zustände, die wir am Anfang erfahren haben, voller Frische erleben, werden wir sicher früher oder später den göttlichen „Zauber“ des Ewigen Anfangs in unserer Beziehung mit unserem spirituellen Leiter entdecken. Wir werden erneut seinen heiligen Raum betreten, wo jegliches Göttliche Wunder auf der Basis von Liebe und Geben leicht möglich wird.

Das versteckte Juwel des vollkommenen Vertrauens in Gott

Auf diese Weise handelnd werden wir das versteckte Juwel des vollständigen Vertrauens in Gott und in unseren spirituellen Leiter entdecken oder erneut entdecken. Gleichzeitig werden wir diese spontan befreiende und ekstatische Einfachheit des Herzens, welches vollkommen Gott hingegeben ist, erwecken. Auf diese Weise handelnd können wir sicher sein, dass alle Zweifel bezüglich unseres spirituellen Leiters wie maßlose Kritik, Mangel an Zufriedenheit, falsch verstandener Perfektionismus (der destruktiv statt konstruktiv angewandt wird) etc., wie durch ein Wunder durch Alchimisierung in Licht, Liebe, Ehrlichkeit, Wohlwollen und Wahrheit umgewandelt werden. So werden wir entdecken, dass diese unbeschreibliche brillante Einfachheit in sich selbst vollkommen ist. All diese Transformationen sind zweifellos für jeden von uns greifbar und sie sind nur möglich durch das vollständige Vertrauen in den spirituellen Leiter. Dieses Vertrauen ist das feste Fundament der vollständigen Verwirklichung des Unsterblichen Göttlichen Selbst (Atman) und all dies wird die Fülle bringen, in Gottes befreiender Gnade zu existieren.

Im Gegensatz dazu, falls wir aufgrund unserer wilden Vorstellungskraft und des gravierenden Mangels an Vertrauen in unseren spirituellen Leiter den Weg, den wir hier und jetzt folgen zu unrecht als mangelhaft und fehlerhaft betrachten, wird der direkte und leichte Weg zu Gott kurz danach durch uns selbst verbaut sein. Unser Herz wird verdeckt werden durch die Unreinheiten des instabilen, geängstigten, verdächtigenden, pendelnden und dualistischen Verstandes, mit unseren niedrigen Wünschen und Entscheidungen, die schrittweise diesen geheimnisvollen, erhebenden, subtilen (daher so zerbrechlichen) Zustand der Gnade, der typisch für den spirituellen Zustand des „Spirituellen Sohns“ (anders gesagt typisch für die ideale Beziehung zu unserem spirituellen Leiter) ist, zerstören.