Swami Sivananda

„Er praktizierte 10 Jahre lang Medizin. Als er 35 Jahre alt war starben seine Frau und ein Kind. An diesem Punkt ließ er alles hinter sich und machte sich auf den Weg, schlief auf der Straße und ging bettelnd von Tür zu Tür, von Singapur bis zum Himalaya. Zwei Jahre lang litt er an Rheuma und Malaria, aber er heilte sich selbst durch Yoga Techniken. Jetzt ist er glücklich, weil für ihn kein Schmerz mehr da ist, keine Trennung, kein Tod, weil der Dualismus nicht mehr real ist und weil die einzige Realität Brahman-Atman ist – die Seele, die zugleich im menschlichen Wesen und im Universum ist.“ (Mircea Eliade)

Er war immer der Erste.

Am Donnerstag, dem 8. September, während der ersten Morgenstunden, als der Bharani Stern sich im Aszendenten befand, wurde ein Junge in der Ortschaft Pattamadani geboren, am Ufer des Flusses Tamraparani im Süden Indiens. Sri Vendu Iyer, ein Finanzverwalter und ein großer Shiva Bhakta (Verehrer von Shiva), und Srimati Parvati Ammal, eine sehr religiöse Frau, waren die glücklichen Eltern ihres (dritten und letzten) Kindes, das Kuppuswamy genannt wurde.

Der Junge, intelligent und frech, bewies bereits in seinen ersten Lebensjahren, dass sein spiritueller Pfad Tyaga (Verzicht) genannt wurde. Er liebte Menschen und er manifestierte Mitgefühl gegenüber den Armen. Oft nahm er Kuchen und Süßigkeiten aus dem Haus und gab sie seinen Freunden, aber auch seinen Hunden, Katzen und Spatzen, ohne sie je zu berühren. Auch zum Ritual von Shivas Bewunderung, Shiva Puja, das von seinem Vater ausgeführt wurde, brachte er immer Blumen.

Kuppaswamy war immer der erste und gewann jedes Jahr Preise in der Oberschule von Ettayapuram, an der er studierte. Er hatte eine sehr angenehme Stimme und ein außergewöhnliches Gedächtnis. Er studierte am Tiruchirapalli College, wo er immer an Konferenzen und an Theaterstücken teilnahm.

Er besuchte mit außergewöhnlicher Willenskraft und enormem Arbeitsaufwand die Fakultät an der Medizinischen Schule in Tanjore. Auch seine Ferien verbrachte er im Hospital, wo er die Erlaubnis bekommen hatte, zu jeder Zeit die Operationssäle betreten zu dürfen. In jedem Examen war er der Beste und er besaß mehr Wissen als all die hoch geachteten Doktoren. Er konnte sogar bereits im ersten Jahr an der Fakultät auf Fragen antworten, zu denen die Abschlussstudenten nicht mal die kleinste Information besaßen.

Nachdem er die Ausbildung beendet hatte praktizierte er Medizin in Tiruchi, wo er ein medizinisches Journal veröffentlichte, das er oft kostenlos verteilte und für das er nie einen finanziellen Beitrag verlangte.

Er besaß die Gabe der Heilkraft

Bald nach dem Tod seines Vaters wurde er gebeten als Arzt in Malaysia zu arbeiten, so dass er 1913 Indien verließ. Dazu sagte er einmal: „Glücklicherweise brauchte Mr. Robbins einen Assistenten, der zu dieser Zeit an einem Hospital arbeiten konnte. Er fragte mich, ob ich fähig sei, ein Hospital alleine zu führen, und ich antwortete sofort, dass ich fähig sei, drei Hospitale gleichzeitig zu führen.“

Gütig, freundlich, voller Humor und rednerischer Fähigkeiten, behandelte Doktor Kuppuswamy erfolgreich Fälle, die als hoffnungslos galten. Egal aus welcher Stadt die Patienten kamen, sie alle erklären auf die gleiche Art und Weise, dass er von Gott das wundervolle Geschenk der Heilkraft und Güte bekommen hatten, sowie Charisma und eine beeindruckende Persönlichkeit. Wenn es einmal eine ernste Situation gab, dann blieb er die ganze Nacht auf, und er kehrte den Armen niemals den Rücken zu sondern gab ihnen oftmals Geld fürs Essen oder für die Krankenhausgebühren. Sein Herz war so rein wie der Schnee des Himalayas. Seine aufopfernde und hingebungsvolle Natur machten ihn sehr beliebt und die Menschen nannten ihn liebevoll „Den Geist der Liebe“.

Obwohl er im Hospital sehr beschäftigt war, kümmerte sich Kuppuswamy immer um die sadhus, sannyasins und um die Bettler. Einmal bat ein sadhu ihn um ein Buch, Jiva Brahma Aikyam von Sri Swami Satchidananda, und erweckte so sein spirituelles Interesse, das bis zu dieser Zeit lediglich als Potential vorhanden war. Das war der Anfang; danach studierte er Bücher von Swami Rama Tirtha, Swami Vivekananda und Sankara, Bücher wie ImitatioChrist, die Bibel und Bücher der Theosophischen Gesellschaft. Er übte Körperstellungen und betete täglich, und er studierte tiefgründig und leidenschaftlich die heiligen Texte wie die Bhagavad-Gita, Mahabharata und Ramayana. Manchmal spielte er auf eine heilige Art und Weise fromme Lieder. Er praktizierte verschiedene Arten von Yoga, unter anderem auch die geheimen Svara Yoga Techniken.

Nach dieser intensiven Aktivität gab Doktor Kuppuswamy die Welt auf – dem Beispiel des Prinzen Siddartha folgend – und verließ 1923 Malaysia, in Richtung Indien aufbrechend. Seine Seele war gereinigt durch den gleichgültigen und zutiefst selbstlosen Dienst an den Menschen und durch seine spirituelle Praxis.

Er begann seine Pilgerreise in Madras. In Benares hatte er eine Vision (darshan) von Visvanath. Er besuchte die großen Meister und die Tempel. Der wichtigste Moment seiner spirituellen Evolution ist verbunden mit dem Datum des 8. Mai 1924, als er in Rishikesh eintraf und seinen spirituellen Meister fand. Am 1. Juni 1924 wurde er von Paramahamsa Vishwananda Saraswati in den Orden der Sannyasins eingeweiht und erhielt den Namen Swami Sivananda Sarasvati. Swami Vishnudevanandaji Maharaj, der Leiter des Sri Kailas Ashram, leitete die Viraja Homa Zeremonien, und Swami Sivananda lebte in Swargashram um seine Sadhana (die spirituelle Praxis) auszuüben.

Gewöhnlich meditierte er 12 Stunden pro Tag

Swami Sivananda lebte, um der Menschheit zu dienen. Eine kleine, beschädigte und abgelegene Hütte voller Skorpione hielten Regen und Wind ab. An diesem speziellen Ort praktizierte er ein kraftvolles Tapas, dort lauschte er der Stille und fastete. Manchmal fastete er tagelang. Er bewahrte lediglich ein wenig Brot in seinem Haus auf, und das war alles für die ganze Woche, abgesehen vom Wasser des Ganges. An kalten Wintermorgen lag er in dem eiskalten Wasser des heiligen Flusses und begann sein Jappa; er kam erst nach dem Sonnenaufgang aus dem Fluss heraus. Er verbrachte mehr als 12 Stunden täglich in Meditation. Der Tapas hinderte Swamiji aber nie daran, sich um die kranken Menschen zu kümmern. Er besuchte die Hütten der Sadhus und brachte ihnen Medizin mit; er half ihnen und wusch ihre Füße. Er segnete in ihrem Namen das Essen und er fütterte sie mit eigenen Händen, wenn sie krank waren. Er brachte ihnen Wasser vom Ganges und reinigte ihre Hütten. Er heilte Cholera und die Pocken. Wenn es notwendig war, blieb er die ganze Zeit bei einem Kranken oder trug ihn auf seinem Rücken ins Hospital. 1927 gründete er ein Wohltätigkeitskrankenhaus in Lakshmanjula, indem er das Geld verwendete, das er gespart hatte.

Er reiste durch ganz Indien und besuchte wichtige Pilgerstätten im Süden, inklusive Rameswaram. Er kam zum Ashram von Sri Aurobindo und traf Suddhananda Bharati Maharishi. Im Ramana Ashram hatte er die Vision (darshan) von Sri Ramana Maharishi an dessen Geburtstag. Er sang Bhajanas und tanzte zusammen mit Ramana bhakta bis er in Ekstase geriet. Dann ging er auf die Reise nach Kailas-Manasrovar und Badri. Swamiji hatte immer Papier und Stift bei sich, um seine Offenbarungen und Arbeitsmethoden, die für die spirituelle Praxis sinnvoll waren, aufschreiben zu können, und schon bald wurden sie zu wahren Lehren.

Er praktizierte alle Arten von Yoga und studierte heilige Bücher. Nach Jahren der intensiven und unermüdlichen Sadhana wurde er gesegnet mit dem Zustand von Nirvikalpa Samadhi, das Ende der spirituellen Reise erreichend.

Er erweckte die Seelen der Menschen

Nach seiner Pilgerreise kehrte er nach Rishikesh zurück und gründete 1936 am Ufer des Ganges eine Gesellschaft, genannt „Das Göttliche Leben“. Heute ist diese Gesellschaft das Zentrum und der Hauptsitz einer internationalen Organisation, mit einer großen Anzahl von Außenstellen sowohl in Indien als auch in anderen Ländern, und ihr Hauptziel ist die Verbreitung des spirituellen Wissens und des selbstlosen Dienstes gegenüber der Menschheit. Die kostenlose Verbreitung der spirituellen Schriften brachte Sivananda eine beständige Gruppe von Schülern. Die Welt stand kurz vor dem zweiten Weltkrieg und, um einen wohltuenden Friedensimpuls in die Welt zu senden und um den schlechten Gedanken in der Welt eine positive Orientierung zu geben, initiierte er den Akhana Mahamantra Kirtan, der aus dem tagelang andauernden und kontinuierlichen Aussprechen der folgenden heiligen Beschwörungsformel bestand: Hare Rama Hare Rama / Rama Rama Hare Hare / Hare Krishna Hare Krishna / Krishna Krishna Hare Hare. Diese spirituelle Anstrengung begann am 3. Dezember und dauerte bis zum 31. Dezember 1943.

Da er das Bedürfnis spürte, den Menschen mit ayurvedischen Arzneimitteln aus Himalaya-Pflanzen zu helfen, gründete er 1945 die Sivananda Ayurvedic Pharmacy; sie hatte einen großartigen Erfolg bei der Bevölkerung und innerhalb kürzester Zeit konnten die Bedürfnisse nicht mehr gedeckt werden. Swami Sivananda’s kleine Klinik entwickelte sich langsam und wurde zu einem dauerhaften Hospital. Das Sivananda Hospital für Augenkrankheiten öffnete im Dezember 1957 mit zunächst 10 Betten und wuchs schnell auf 30 Betten an. Swami Shivananda gründete am 28. Dezember 1945 die Föderation aller Religionen in der Welt sowie die Sadhu Föderation der gesamten Welt am 12. Februar 1947. Die Vedanta-Yoga Akademie wurde 1948 aufgebaut, um allen dort wohnenden sadhakas (Schülern) ein systematisches spirituelles Training zu bieten und um allen spirituell Suchenden, die die Akademie besuchen, eine authentische Yoga Lehre anzubieten.

Swami Sivananda unternahm 1950 eine spirituelle Reise durch ganz Indien und Ceylon, um seine Göttliche Nachricht bekannt zu machen. Er erweckte die Seelen der Menschen zu einem neuen, wahrlich Göttlichen Leben. Die Auswirkungen waren überwältigend. Seitdem überflutete ein kontinuierlicher Fluss von spirituellen Suchern und eine große Anzahl an Briefen von Schülern aus dem ländlichen Bereich, die ihn um eine größere Verbreitung seiner Lehre baten, den Ashram. Im September 1951 wurde „The Editorial League“ gegründet als ein kraftvoller Weg um die spirituellen Lehren und die Schriften des Meisters in der ganzen Welt zu verbreiten; Die Schüler waren begierig, sein gesamtes Werk zu erforschen. Dies begünstigte die Gründung des Forschungsinstitutes der Sivananda Literatur im Jahr 1958, das unter Anderem entschied, dass seine Werke in alle indischen Dialekte übersetzt und systematisch veröffentlicht werden sollten und regionale Komitees für jeden einsetzte.

Swami Sivananda verbreitete seine göttliche Nachricht über den Altruismus. Meditation und der Einklang mit dem Göttlichen erreichten alle Ecken der Welt, durch fast 300 Bücher, durch Magazine und Briefe. Seine hingebungsvollen Schüler gehören zu allen Religionen, Kulten und Vereinigungen der Welt. Sein Yoga – signifikanterweise als das Yoga der Synthese bezeichnet – bietet eine harmonische Entwicklung durch die Praxis des Karma Yoga (das Yoga der selbstlosen Tat), Jnana Yoga (das Yoga des Geistes oder des spirituellen Wissens) und Bhakti Yoga (das Yoga des Herzens, der leidenschaftlichen Liebe für Gott).

Am 14. Juli 1963 betrat die große Seele Swami Sivananda in seiner Hütte am Ufer des Ganges in Sivanandanagar den Mahasamadhi.

Ein Artikel aus dem Yoga Magazin (Rumänien), Nr. 18